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Was trägt in Krisen?

 

Gott trägt – stimmt das?

Auf diese Frage gibt es eine verführerisch einfache Antwort: »Gott trägt!« Vielleicht wenden sie ein: »Aber das stimmt doch. Jesaja 46,4 sagt doch glasklar: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“ Was soll daran verführerisch sein?« Nun, diese Antwort birgt Missverständnisse in sich, weil sie das Wichtigste offen lässt: Wie trägt Gott und was bedeutet das für uns?

 

Beispiel Klaus K: „Ich kann und will nicht mehr. Ich bin von Gott enttäuscht!“

Klaus K. hat diesen Bibelvers lange so missverstanden: Wenn Gott mich trägt, dann muss ich alles ertragen, was mir widerfährt. Vieles in seinem Leben hat er deshalb klaglos hingenommen. Im Betrieb war er in der Qualitätskontrolle tätig.

 

Seine Kollegen haben ständig gestichelt. Der Qualitätsmanager hat ihn wiederholt vor seinem Abteilungsleiter und den Kollegen bloß gestellt: »Sie brauchen ewig, geht’s noch langsamer? Sie Träumer! Mit ihren Fähigkeiten, wie sind sie bloß in unsere Firma gekommen?« Nach zwei Jahren geht Klaus K. nicht mehr gerne zur Arbeit. Im Hauskreis ermutigen ihn seine Mitchristen: »Klaus, das ist doch dein Traumberuf. Das wird schon wieder. Gott trägt dich, er gibt dir Kraft, deine Kollegen zu ertragen.« Er reißt sich zusammen. Täglich bittet er Gott um Geduld mit seinen Kollegen. Mit den Jahren kommt er immer schwerer aus dem Bett. Seine Arbeitsleistung lässt zu wünschen übrig. Er wird krank. Auch die vom Arzt verordnete Kur hat nur vorübergehende Erleichterung gebracht. Das ganze Leben empfindet er als Last. Ab und zu fragt ihn einer: »Und, spürst du, wie Gott dich trägt?« Als guter Christ antwortet er: »Gott trägt immer.« Tief innen im Herzen aber klingt es ganz anders: »Ich kann und will nicht mehr. Alles ist mir zu viel. Ich bin von Gott enttäuscht. Er hilft mir nicht. Er lässt mich im Stich.«

Der richtige Glaubenssatz: »Gott trägt«, wird falsch gebraucht.

Wo liegt das Problem? Der richtige Glaubenssatz: »Gott trägt«, wird falsch gebraucht. Er eröffnet keinen Weg, auf dem Gott als der erfahren wird, der auf ganz unterschiedliche Weise trägt. Gott wird verkürzt auf den, der nur Kraft gibt zum Ertragen. Dieser Satz führt in eine Sackgasse, aus der es kein Entrinnen gibt.

 

1.      Krisen als Weg

Nicht selten schämen sich Christen, wenn sie in Krisen geraten. »Wer richtig glaubt, der wird von Krisen verschont«, denken sie. Diese Sicht erschwert es, sich Krisen einzugestehen und darüber zu sprechen. Angst vor Krisen scheint weit verbreitet zu sein. Das ist einerseits verständlich. Krisen stellen in Frage, was seither getragen hat. Wenn uns entzogen wird, was uns Halt gewährt hat, fürchten wir, dem nicht gewachsen zu sein, was auf uns zukommt. Andererseits bleibt unser Glaube eigentümlich oberflächlich, wo nicht durch Krisen unsere Selbst- und Gotteserkenntnis vertieft wird. Krisen sind Zeiten, in denen wir uns selbst und Gott näher kommen können.

Das geschieht jedoch nicht automatisch, und nicht ohne Schmerzen. Gott mutet uns Wege zu, auf denen wir nicht allem gewachsen sind, wo wir überfordert und allein gelassen werden, wo wir uns schutzlos ausgeliefert fühlen, wo wir zuweilen nicht mehr weiter können, nicht mehr weiter wollen. Krisen bringen ans Licht, was nicht trägt oder in einer neuen Situation nicht mehr allein trägt. Sie fordern uns heraus, neu nach dem zu suchen, was tragfähig ist. Krisen sind wie Wege, die uns zur umfassenderen Erfahrung Gottes und unserer selbst führen können.

Wie werden Krisen zu solch einem Weg? Das können wir von Klagepsalmen lernen, sie sind so etwas wie Gebete in der Krise. Einige Stationen dieses Weges seien in Anlehnung an Psalm 13 angedeutet. Wer diesen Weg geht, der macht befreiende Erfahrungen, der wird in Krisen reifen.

 

2.      Krisen bejahen

Krisen gehören zum Leben. In unserem Leben verändert sich laufend etwas. So hat Gott das Leben geschaffen. Was er uns gegeben hat, es wird uns zu bestimmten Zeiten oder endgültig genommen: Gesundheit, Schönheit, Eltern, Ehepartner, Kinder, Freunde, Beruf, Erfolg, Frieden im Großen wie im Kleinen usw. Das zu verlieren, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Dazu kommen Krisen unerfüllter Hoffnungen. Was wir ersehnt haben, worauf wir Jahre gehofft haben, es bleibt uns dauerhaft entzogen: immer noch allein, keinen passenden Beruf oder gar arbeitslos, kinderlos, bleibende Behinderung, nicht geliebt werden um meiner selbst willen, nicht genügen usw. Urplötzlich bricht es in uns auf: »Mir fehlt so viel. So viel ist ungelebt.« Jeder macht die Erfahrung, dass in neuen Lebenssituationen nicht mehr trägt, was zuvor getragen hat. Jeder auf seine ihm eigene Weise. Das schmerzt. Und doch ist es wichtig, dazu ein Ja zu finden. Wer Klagepsalmen betet, der lernt leichter, – nicht leicht, nach und nach das Leben so anzunehmen, wie Gott es geschaffen hat.

 

3.      Gefühle äußern

Manche zeigen ihre damit verbundenen Gefühle nicht. Sie schämen sich. »Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben« (V. 3) So zu empfinden, das halten sie für eine Niederlage: »Ich habe es nicht fertig gebracht, Jesu Gebot der Feindesliebe zu erfüllen.« Sich über einen Menschen ärgern, jemanden hassen, – nein, bloß das nicht! Klaus K. gelang es nicht, zu Gott zu sagen: »Mein Qualitätsmanager hat kein Recht, so mit mir umzugehen. Er tut mir Unrecht.« Das hätte sein Selbstbild des immer geduldigen und friedfertigen Christen bedroht. Dieses Bild darf unter keinen Umständen zerbrechen.

Deshalb werden solche Gefühle gar nicht erst zugelassen, er frisst sie lieber in sich hinein, – mit dem bekannten Ergebnis: kraftlos, lebensmüde, enttäuscht.

Klagepsalmen helfen, diese Scham und Scheu zu überwinden. Gott trägt uns in seiner Güte, er ist ganz Ohr und Auge: »Du siehst mein Elend an und nimmst dich meiner an in Not« (Ps 31.8). Er versteht unsere Gedanken, er fühlt mit uns mit. Gott nimmt Anteil an unserem Ergehen. Jesus selbst hat es erlitten, anderen ausgeliefert zu sein. Er hat es erlitten, wie sie über ihn triumphiert haben. Er weiß, wie sich das anfühlt. Er verdammt uns nicht wegen solcher Gefühle. Er freut sich sogar über vorwurfsvolle Fragen, die ihn selbst treffen: »Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?« (V. 2) Vor ihm müssen wir nichts beschönigen, nichts verdrängen, es würde sich später doch aufdrängen. Krisen verlieren ihre unheimliche Macht, wo wir vor Gott aussprechen, wie’s uns in der Krise zumute ist. Der eigentliche Stachel in Glaubenskrisen liegt wahrscheinlich darin, dass wir um unsere Beziehung zu Gott fürchten. Einem Menschen zu sagen: »Ich bin von dir enttäuscht, du hast mich im Stich gelassen.«, das empfinden viele als gleichbedeutend mit: »Das war’s dann, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!« Bei Gott ist das glücklicherweise anders. Die Klagepsalmen zeigen Gott als den, der solche ehrlichen Äußerungen nicht nur erträgt, nein, der sich zutiefst danach sehnt. Er weiß darum, wie unausgesprochene Gefühle der Bitterkeit und des Grolls eine Mauer zwischen uns und Gott errichten. Wer klagt, durchbricht diese Mauer.

4.      Auf Krisen hören

Es taugt nicht, Krisen möglichst rasch hinter sich zu bringen. Wer das eigene Leben nur so schnell wie möglich wieder in den Griff bekommen will, der bringt sich um die Chance, auf das zu hören, was ihm die Krise sagen will. Gott gebraucht Krisen, um sichtbar zu machen, was wir sonst nicht sehen würden. Klaus K. suchte das klärende Gespräch mit einem Seelsorger. Miteinander versuchten sie seine Krise zu verstehen. Er durfte sich zu Hause nie verteidigen. Wenn ihm Unrecht zugefügt wurde, musste er nachgeben. Andere nützten das aus, wieder und wieder, erbarmungslos. Er geriet immer tiefer in eine lähmende Opferhaltung hinein. Er begann sich aus ihr zu lösen, als er erkannte, dass Gott ihm Recht schaffen will: »Der Herr sei Richter und richte zwischen mir und dir und sehe darein und führe meine Sache, dass er mir Recht schaffe wider dich!« (1. Samuel 24,16) Auch so trägt Gott Sorge um die Seinen, ja gerade so!

Das ermutigte ihn, sich anderen gegenüber auf gesunde Weise zu behaupten. Er lernte sich abzugrenzen. Krisen zeigen manchmal an, was wir ändern müssen. Sie bringen uns dem auf die Spur, was zum Leben hilft. Wir müssen das Unsrige tun, sonst führt kein Weg aus der Krise. Wer um Veränderung bittet: »Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!« (V. 4), der handelt auch in diesem Sinn. Wer klagt, nimmt die Dinge nicht mehr einfach hin. Gott trägt uns so sehr, dass wir es wagen können, unsere Kräfte zu mobilisieren. Wer in Beziehungskrisen nur betet, aber nicht den Weg zur Seelsorgerin oder zum Therapeuten zurücklegt, der wundere sich nicht, dass er sich im Kreis drehen wird. Gott nimmt uns nichts von dem ab, was wir selbst tun müssen.

Allerdings gibt es auch Krisen, in denen es darauf ankommt, uns gesetzte Grenzen zu akzeptieren und untaugliche Lebensvorstellungen zu verlieren. Wer sich überschätzt, seine Grenzen ungesund überschreitet, der höre in der Krise den Ruf Gottes: »Schuster bleib bei deinen Leisten.« Wer die ihm gesetzten Begrenzungen ständig übersieht, der beschwört Dauerkrisen herauf. Wer meint, mehr leisten zu müssen, als ihm gegeben ist, der darf in der Krise die Stimme Gottes hören: »Du bist mir wertvoll. Es ist genug. Du musst nicht immer nur für andere da sein.«

 

5.      Vertrauen gewinnen

»Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist.« (V. 6) In Krisen haben wir solch ein Vertrauen selten. Es zu gewinnen, das würde Krisen erträglicher machen. Wie können wir Vertrauen gewinnen? Durch das Lesen der Geschichten, die uns Gott als den zeigen, der durch Krisen hindurch Leben schafft. Josef hat Gott so erfahren: durch Unrecht und Erniedrigung, Verleumdung und Verlust hindurch hat er ihn zu Ehren gebracht und durch ihn andere am Leben erhalten (1. Mose 37-50). Das wirkt Gott bis heute.

Vertrauen müssen wir nicht einfach haben, Gott gewährt uns Zeit, es langsam wieder zu gewinnen. Zuletzt trägt allein das Vertrauen, dass Gott durch den Tod hindurch Leben schafft. Hier in dieser Welt ändert sich nicht alles zum Guten. Es bleiben unerfüllte Hoffnungen, Tränen, schreckliche Ohnmacht. Manche Krisen können wir nur in der Hoffnung auf den Gott bestehen, der alles neu machen wird. Gott trägt uns in unserem Leiden durch die Hoffnung auf sein vollendendes Handeln.

 

6.      Sich Gott anvertrauen

Was trägt in Krisen? Das kommt auf die Krise an und auf den, der sie erlebt. Nicht in jeder Krise hilft das Gleiche. Uns Gott, dem erfahrenen Krisenbegleiter schlechthin, in Krisen anzuvertrauen, auf das zu hören, was er uns durch die Krise sagt, den oben skizzierten Weg gehen, gerade auch zusammen mit anderen Menschen, – so werden wir erfahren, wie unterschiedlich und vielfältig Gott für uns zum tragenden Grund wird, so werden wir herausfinden, was tragfähig ist.

 

Pfarrer Thomas Maier, Dozent und Studienleiter der Evangelischen Missionsschule Unterweissach

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